Lang ersehnter High-Fantasy Stand-alone!

Seit Jahren lasse ich mich auf englischsprachigen Buchseiten inspirieren und bin dabei früh auf M. L. Wang aufmerksam geworden. Ihr Roman „The Sword of Kaigen“, der bereits 2018 erschien, fand in der Community schnell große Beachtung und wurde vielfach gelobt. Die deutsche Übersetzung ließ allerdings bis Dezember 2025 auf sich warten. Nun ist der Roman im @adrian_verlag in einer optisch sehr ansprechenden Ausgabe erschienen.

Handlung und Aufbau

Im vom Krieg gezeichneten Kaigen stehen die ehemalige Kriegerin Misaki und ihr Sohn Mamoru im Mittelpunkt. Sie kämpfen gemeinsam gegen eine Invasion ihrer Heimat, der Halbinsel Kusanagi. Dabei bedrohen nicht nur feindliche Soldaten ihr Leben, sondern auch die Lügen und Geheimnisse ihres eigenen Reiches. Während die brutalen Kämpfe ihre Heimat erschüttern, müssen sich Misaki und Mamoru mit ihrer Vergangenheit, ihren familiären Bindungen und der Frage auseinandersetzen, was Ehre wirklich bedeutet.

Der Roman ist dreiteilig aufgebaut: Im ersten Teil werden die Protagonist:innen sowie das komplexe Werte- und Magiesystem Kaigens eingeführt. Diese Einführung verlangt einiges an Aufmerksamkeit, insbesondere wenn man – wie ich – während einer Erkältung liest. Doch wer durchhält und das Glossar sowie das Figurenverzeichnis am Ende des Buches nutzt, wird im Mittelteil mit einer epischen Schilderung des Kampfes um Kusanagi belohnt. Der dritte Teil spielt nach der Invasion. Hier fällt der Spannungsbogen stark ab, einige Handlungsstränge werden nicht mehr aufgegriffen und bleiben ungelöst, was einen leicht ratlos zurücklässt. Obwohl man meinen könnte, es gäbe einen Folgeband, ist „The Sword of Kaigen“ ausdrücklich ein Stand-alone-Fantasyroman.

Spannung und Weltgestaltung

Im Zentrum des Romans steht der Kampf um die Halbinsel Kusanagi. Die Darstellung der Kampfhandlungen und die wechselnden Perspektiven von Mamoru und Misaki sind fesselnd und hervorragend geschrieben. Besonders die Figur von Misaki hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen: In der strengen Kultur der Theoniten, speziell innerhalb der alten Kriegerdynastie der Familie Matsuda, wird sie auf die Rolle der Mutter reduziert. Doch durch Rückblenden erfahren wir, dass in ihr viel mehr steckt. Früher kämpfte sie als junge Studentin an der Daybreak Academy gemeinsam mit Freund Robin und anderen Kommilitonen maskiert gegen ein Verbrechersyndikat – und bewies dabei ihr Können als Kriegerin. Nach der Heirat in die Familie Matsuda begräbt sie ihre Kriegerinnenidentität und konzentriert sich auf das Familienleben, ihr Schwert versteckt sie buchstäblich unter den Dielen der Küche – ein starkes Bild!

Magiesystem und Atmosphäre

Das Magiesystem der Theoniten ist außergewöhnlich und innovativ. Die Art und Weise, wie Wassermoleküle als Waffe und Werkzeug genutzt werden, ist atemberaubend und so in der Fantasy-Literatur selten zu finden. Flüsternde Klingen, Drachen aus Eis und Blutmagie prägen die detailreiche und neuartige Welt von M. L. Wang.

Die Atmosphäre auf der Halbinsel Kusanagi ist von eisigem Winter geprägt, was sich auch auf die Stimmung der Geschichte niederschlägt. Mamoru, der zu Beginn ein überzeugter Anhänger der Regierung Kaigens ist, wird durch einen neuen Mitschüler zum Nachdenken gebracht. Doch bevor er seinen kritischen Gedanken weiter nachgehen kann, beginnt die Invasion – und Mamoru kämpft, wie es ihm beigebracht wurde, ohne Rücksicht auf sich selbst. Es ist bewegend, mitzuerleben, wie er seinen Pflichten nachkommt, obwohl er innerlich voller Zweifel und Ängste ist.

Fazit

M. L. Wang ist mit „The Sword of Kaigen“ ein herausragender Fantasyroman gelungen. In einer von japanischer Kultur inspirierten Welt erschafft sie ein innovatives Magiesystem und einen vielschichtigen Weltenbau. Die Handlung ist komplex und fordert die Lesenden, belohnt aber vor allem im Mittelteil mit epischen Schlachten. Der Spannungsbogen kann im letzten Drittel nicht ganz gehalten werden, sodass das Ende etwas ratlos zurücklässt.